Themenwoche „Digitales Klassenzimmer – der Einsatz von neuen Medien im Schulunterricht“
Gastbeitrag von Uwe Klemm vom Blog eventualitaetswabe

Auch als bekennender Moodler wildert man gern mal abseits des Stammreviers
Im vergangenen Halbjahr kamen auf diese Weise eine ganze Reihe an Ausflügen zu einer sehr spannenden, funktionalen und sich rasch entwickelnden Plattform zustande – zu Edmodo. Die ersten Eindrücke davon finden sich in einem älteren Blogbeitrag.
Inzwischen ist die Plattform in unterschiedlichen Unterrichtszusammenhängen genutzt worden, Zeit also für eine Art Bestandsaufnahme (einer recht subjektiven, wohlgemerkt!).
Edmodo hat eine Rolle gespielt in folgenden Kontexten:
- Behandlung des Films “East is East”, Englisch Klasse 12
- Medienkunde-Einheit zu sozialen Plattformen mit mehreren Klassen 9
- Lektürekurs “A long way down” , Englisch Klasse 12
Die Zielgruppen, Unterrichtszusammenhänge und Stoffe sind also recht unterschiedlich gewesen; gemeinsam war allen Schülergruppen aber, dass sie bereits Erfahrungen mit anderen Internetplattformen, insbesondere Moodle, hatten (was vereinzelt durchaus auch zu Überdruß: Nicht noch eine Plattform! führte). Trotz der eben angedeuteten Diversität gab es dennoch eine Reihe an Konstanten, die sich hoffentlich gleich erschließen werden.
Es hat sich erwartungsgemäß gezeigt, dass die Einstiegsschwelle zu Edmodo für die Schüler extrem niedrig ist, dazu trägt das simple Anmeldeprozedere, die aufgeräumte Oberfläche und das sehr Facebook-ähnliche Look & Feel bei, sicher auch die im Grunde recht begrenzte Anzahl an Einzelfunktionen. Von den Schülern sofort bemerkt wurde die Abwesenheit eines privaten Mitteilungsdienstes: die Schüler erwarten eine solche Funktion in einer sozialen Plattform natürlich; bei Edmodo ist sie bewusst weggelassen (das soll sicher zur Fokussierung auf die unterrichtliche Arbeit und zum Unterbinden von Mobbing beitragen).
Bewährt hat sich Edmodo in der direkten Kommunikation zwischen Lehrer und Schülern – dafür ist die Plattform fast ideal geeignet; auch eine differenzierte Kommunikation mit Gruppen / kleinen Gruppen / Einzelschülern ist unkompliziert möglich. In allen Gruppen ist Edmodo auch die Möglichkeit genutzt worden, Aufgaben zu erteilen, einzusammeln und Bewertungen zu geben. Wider Erwarten gab es aber in allen Gruppen Schüler, die mit dieser Aktivität ihre Probleme hatten; ihnen war der Unterschied zwischen einem “normalen” Eintrag auf der jeweiligen Pinnwand und einer einzureichenden Aufgabe offensichtlich nicht klar. Das mag zum Teil auf eine nicht gründlich genug erfolgte Einführung zurückzuführen sein, weist aber sicher auch auf eine Funktionsüberschneidung zumindest in der Wahrnehmung der Schüler hin.
Als sehr hilfreich erwies sich die Möglichkeit, Dateien entweder direkt über Pinnwand-Anhänge oder aber über die “Bibliothek” verfügbar zu machen; Quiz und Umfrage hingegen kamen kaum zum Einsatz. Allerdings hat gerade das Quizmodul eine recht positive Entwicklung genommen, mit den derzeit verfügbaren Fragetypen und Konfigurationsmöglichkeiten sollte es gut und komfortabel möglich zu sein, schnell einfache Tests zu generieren und durchzuführen.
Eines jedoch fehlt Edmodo gänzlich: spezifische Tools, um komplexere Gruppenarbeitsformen, arbeitsteiliges Vorgehen etc. wirklich angemessen umsetzen zu können. Im Grunde bietet Edmodo eine skalierbare Pinnwand-Kommunikation, komfortable Wege zu eher top-down gestalteten Lehrer-Schüler-Kommunikation, Dateiablage und -distribution sowie einfache Testmöglichkeiten. Wohlgemerkt – das ist nicht wenig, kommt in einer sehr intuitiv beherrschbaren Umgebung daher und kann in einem entsprechend gestalteten Unterrichtsszenario durchaus großes Potenzial entfalten, die Beschreibung der Grenzen ist also ausdrücklich keine Kritik am offensichtlich bewusst beschränkten Funktionsumfang der Plattform. Einige andere Funktionen (Elterncode, wirklich funktionierende mobile Apps, interne Communities wie z.B. Language & Arts) hingegen sind wirkliche Alleinstellungsmerkmale.
Im Lichte der eben angerissenen Erfahrungen halte ich den in letzter Zeit häufiger zu lesenden Vergleich von Edmodo und Moodle bzw. die Auffassung, dass soziale Plattformen wie Edmodo herkömmliche LMS weitgehend obsolet machen können, für nicht wirklich sachgerecht, ein solcher Vergleich muss m.E. an der Sache vorbei gehen. Warum?
Edmodo eignet sich aus meiner Sicht ganz hervorragend, um die Kommunikation in Lerngruppen, Klassen, Schulen zu unterstützen und punktuell Lernabschnitte zu begleiten, gewissermaßen ein ergänzendes Angebot aufzubauen. Es hat klare Vorteile bei der Bedienbarkeit, bietet eine extrem niedrige Einstiegsschwelle für Lehrer und Lerner und kann (wegen der sparsamen Datenerhebung, der für Nutzer nicht verfügbaren Protokollierung und des Elterncodes) recht erfolgreich Datenschutzbedenken umschiffen.
Für umfangreichere und komplexere Lernabschnitte bietet jedoch ein LMS wie Moodle ungleich mehr: durch die große Anzahl an Ressourcen- und Aktivitätstypen sind abwechslungsreiche und individualisierbare Lernszenarien umsetzbar; seine wirklichen Stärken jedoch spielt Moodle meiner Erfahrung nach aber aus, wenn es um die Gestaltung kollaborativer Lernprozesse geht. Entsprechend umgesetzte Aktivitäten wie Foren, Wiki, Datenbank, Glossar oder auch die Möglichkeiten zur Rollenüberschreibung bieten auch im Vergleich zum “normalen” Kontaktunterricht eine genuine Bereicherung für soziale Lernformen. Ein großer Vorteil dieser Funktionsvielfalt liegt m.E. darin, dass individuellere und stark kontextuierte Lernumgebungen unterstützt werden können. Das hat im Falle von Moodle aber natürlich den Preis einer erheblich höheren Komplexität – damit eines höheren Initialaufwands für Lehrer und Lerner – und einer durchaus nicht vorbildlichen Bedienbarkeit.
Genauso wahr ist natürlich aber auch, dass nicht die verwendete Plattform an sich den Lernerfolg bestimmt, entscheidend ist neben der didaktisch schlüssigen Gestaltung der Lernangebote innerhalb der Plattform vor allem die Schnittstelle zwischen den Arbeitsphasen in Plattformen und “normalem” Kontaktunterricht. Eine Art Allzweckwaffe ist keine der beiden Plattformen; mit Edmodo lassen sich aber ganz sicher Lehrer und Schüler erreichen, die vor Moodle aus guten Gründen zunächst zurückscheuen. Auch wenn es tatsächlich vor allem um Kommunikationsmöglichkeiten mit und in Lerngruppen geht, wäre Moodle sicherlich übermotorisiert.
Wie sind Eure Erfahrungen und Reflexionen hierzu?
Anmerkung von generation-bildung: Uwe Klemm ist Lehrer für Deutsch, Englisch, Medienkunde am Angergymnasium Jena sowie Lehrer für “Medien und Kommunikation” an der Lobdeburgschule Jena und betreibt den Blog: eventualitaetswabe.de