Wer nicht studieren will oder kann, dem blieben immer noch die Lehrstellen. So weit, so gut. Dieses Jahr wird es davon aber rund 227.000 weniger geben. Das sind acht Prozent weniger als im Jahr zuvor. Der Lehrstellenabbau ist dabei aber nicht einmal das schlimmste. Denn die Anforderungen an das Profil eines potentiellen Azubis steigen immer weiter an. War es früher, also vor ca. 10-15 Jahren, gang und gäbe mit einem guten Realschulabschluss eine kaufmännische Ausbildung zu bekommen, so wird dafür heute mindestens ein befriedigendes Abiturzeugnis benötigt. Ein ähnliches Bild zeigt sich in handwerklichen Berufen. Dazu kommt, dass durch die Verkürzung der Schulzeit auf 12 Schuljahre nächstes Jahr doppelt so viele Abiturienten auf den Mark schwemmen werden.
Da werden nicht nur Studienplätze, sondern auch Ausbildungsplätze knapp. Das heisst, nächstes Jahr werden die Schüler mit einem Realschul- oder Hauptschulabschluss so gut wie chancenlos sein. Auch wenn sie vielleicht handwerklich begabter oder engagierter sind. Das Ungleichgewicht in Angebot und Nachfrage zieht Perspektiven- und Motivationslosigkeit nach sich. Ohne Ausbildungsstellen bleiben nur die theoretischen Notlösungen an sogenannten “Berufsbildungsschulen” übrig.
Schade, denn eigentlich ist das deutsche Ausbildungssystem mit der Verknüpfung von Theorie und Praxis sinnvoll. Früher schätzte man es, lobte es für seine Aufwertung des Deutschen Standortes. Nirgends auf der Welt werden Menschen so gut für einen Beruf geschult. Ein Vorteil im internationalen Vergleich.
Ich selbst habe nach dem Abitur erst eine Lehre als Verlagskauffrau gemacht, bevor ich angefangen habe zu studieren. Die praktischen Erfahrungen haben mir für das Studium Vorteile geleifert, die einige meiner Kommilitonen nicht hatten. Denn die Vorgänge in einem Verlag vom Redakteur, zur Anzeigenannahme über den Aboservice bis hin zum Zeitungsausträger haben mir eine gute Grundlage geliefert, zu verstehen wie ein Unternehmen funktioniert. Das man in seinem Tun auch ein Stückchen weiter als sein Business denken muss. Auch Teamarbeit und eigenständiges Arbeiten sowie diverse PC-Programme waren mir nicht fremd. Sachen, mit denen ein frisch gebackener Student oft zu kämpfen hat.
Doch es scheint, als ob der Praxisbezug in Ausbildung und Studium zum Privileg wird. Oder kennt ihr Programme, die den Verlust von Ausbildungsstellen und Praxis auffangen oder ergänzen könnten?



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