Gibt es Schutz gegen Amokläufe an Schulen? Der “Expertenkreis Amok” aus Baden-Würtemberg hat sich mit dieser Frage beschäftigt und über 80 Empfehlungen vorgelegt. So fordern die Politiker, Wissenschaftler, Schulvertreter und Jugendschützer Kampfspiele (Paint-Ball sowie PC-Killerspiele”) zu verbieten, Warnsignale und spezielle Türknäufe in Schulen zu installieren, eine Verschärfung des Waffengesetzes sowie eine bessere psychosoziale Unterstützung der Schüler in Schulen. Doch wie sinnvoll sind diese Vorschläge wirklich? Antworten darauf liefert Peter Langman, amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut, in seinem Buch “Amok im Kopf – Warum Schüler töten”.
Der letzte Amoklauf eines Schülers in Deutschland ist nun über ein halbes Jahr her. In Winnenden erschoss der 17-Jähriger Schüler Tim Kretschmer 15 Menschen, vorwiegend Mädchen. Er wurde nach mehrstündiger Flucht von der Polizei gestellt und erschoss sich schließlich selbst. Angeblich bzw. laut Presse war Mobbing durch Mitschüler und Lehrer der Hauptgrund der Tat. Doch kann man das so einfach an einem Grund festmachen? Immer wieder werden in den Medien pauschalisiert Mobbing, Killerspiele, Waffenbesitz, Drogen/Medikamente oder ein schlechtes Elternhaus als Hauptgrund von Schul-Amokläufen angegeben. Und das, obwohl es viele Tausend Jugendliche gibt, die den gleichen Faktoren ausgesetzt sind, aber nicht zu Massenmördern werden.
Peter Langman analysierte zehn Jugendliche, die in den USA zu Amokläufern wurden. Ergebnis: Alle Amokläufer hatten vornehmlich psychische Probleme, sind also psychopathische, psychotische oder traumatisierte Täter. Somit sind laut Langman Killerspiele, Waffenbesitz etc. nicht pauschal Ursache eines Amoklaufs, sondern vielmehr in eine jahrelange Handlungskette in der Welt der Täter einzuordnen. Beispiel Mediengewalt: Psychisch gestörte Jugendliche flüchten sich in vorzugsweise gewaltätige Welten aus Büchern, Filmen oder Spielen, um ihre Fantasien zu befriedigen. Die Fantasie ist also schon vorher da und wird nicht erst durch das Medium angeregt.
Die Anlayse Langmans offenbart erschreckende Details und Hintergründe im Leben und der Psyche der Amokläufer. Langman liefert außerdem Lösungsmöglichkeiten, um Massenmorde an Schulen zu verhindern. Technische Sicherheitsmaßnahmen und Verbote gehören allerdings nicht dazu, vielmehr sieht er die Chance in einem Frühwarnsystem durch Eltern, Mitschüler und Lehrer sowie psychologischer Betreuung. Der Bildungsexperte Prof. Klaus Hurrelmann, der das Vorwort der deutschen Ausgabe geschrieben hat, geht dabei noch weiter:
Wie die Analyse von Langman zeigt, sind es die jungen Männer, die erheblich größere Schwierigkeiten im Umgang mit Frustration, Zurücksetzung, Demoralisierung und Demütigung haben als junge Frauen. [...] Weil die allermeisten Amokläufer an Schulen junge Männer sind, sollten in den nächsten Jahren dringend spezielle vorbeugende Strategien entwickelt werden, die in der umfassenden pädagogischen Jungen- und Männerförderung eingebunden sind.
Wer mehr wissen möchte: Auf der Frankfurter Buchmesse wird Hurrelmann am 16. Oktober einen Vortrag über Gewalt an Schulen halten.
Ich kann “Amok im Kopf” jedenfalls allen empfehlen, die sich mit dem Thema beschäftigen und mehr über das “Warum” erfahren möchten. Langmans Schreibstil ist nicht nur flüssig, sondern auch für Laien der Psychologie gut zu verstehen. Das Verbot von Killerspielen sowie Warnsignale und spezielle Türknäufe in Schulen sind nach meinen neu gewonnenen Erkenntnissen jedenfalls schlichtweg wirkungslos. Eine Verschärfung des Waffengesetzes sowie eine bessere psychosoziale Unterstützung der Schüler und eine einfach Schüler-Lehrer-Kommunikation (Kummerkasten, Vertrauenslehrer) in Schulen ist dagegen wünschenswert.
“Amok im Kopf beim Beltz-Verlag



2 Antworten bis jetzt ↓
1 Maria_Monte // Okt 9, 2009 at 09:17
Der Spiegel hat mit dem Autor Langman ein Interview geführt. Darin sagt Langman, dass sowohl Überwachungssysteme wie das Verbot von Killerspielen nichts bringt.
2 Amokläufe minimieren // Mär 10, 2010 at 15:08
[...] Was kann man gegen Amokläufe an Schulen tun? Der Sonderausschuss „Konsequenzen aus dem Amoklauf in Winnenden und Wendlingen – Jugendgefährdung und Jugendgewalt“ hat dazu nun verschiedene Empfehlungen veröffentlicht. Diese sind zwar auf Baden-Würtemberg bezogen, könnten aber auch landesweit umgesetzt werden. Hier die wichtigsten Handlungsempfehlungen: [...]
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