Elternwahlrecht ist oft sozial ungerecht

Auch wenn er Vieren und Dreier im Zeugnis hat, der kleine Marlon* soll nach der 4. Klasse aufs Gymnasium wechseln. So wollen es seine Eltern. Auch gegen die Empfehlung der Lehrer haben Marlons Vater (Rechtsanwalt) und seine Mutter (Ärztin) ihn angemeldet. Denn Marlon soll schließlich später die Kanzlei übernehmen, das Abitur ist Pflicht. Marlon ist kein guter Schüler, die schlechten Noten motivieren nicht zum Lernen, der Druck der Eltern ist groß. Dieses Szenario ist fiktiv, aber nicht unüblich. Nur zu gerne drängen Eltern ihr Kinder aufs Gymnasium, obwohl die Leistungen nicht dafür sprechen.

Experten wie der Schulforscher Klaus Klemm beurteilen die Urteilskraft von Eltern in Bezug auf ihr Kind als äußerst subjektiv. Väter und Mütter neigen dazu, ihre Kinder zu überschätzen, besonders Eltern mit hoher Bildung. Deshalb schicken sozial bessergestellte Eltern ihre Kinder oft auch mit schlechten Leistungen aufs Gymnasium. Die soziale Kluft wird so verstärkt. “Je freier die Elternwahl, desto größer die soziale Ungleichheit”, sagt der Schulforscher Klaus Klemm.

Und daher auch der Bildungskampf in Hamburg. Gegen die bevorstehende Schulreform wehren sich vor allem Eltern mit Händen und Füßen. Ihnen geht es vor allem darum, ihr Elternwahlrecht zu behalten, selbst zu entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen soll. Und das gegen die Regierunspläne: Nach 6 Grundschuljahren sollen Lehrer und Eltern gemeinsam beraten, welche Schule geeignet ist – das letzte Wort hätten die Lehrer. Klar ist, Ausnahmen bestätigen die Regel – auch Lehrer können irren, das ein oder andere Kind als verkanntes “Genie” auf der Strecke bleiben. Doch die Reformgegner gehen noch weiter: Sie befürchten bei dieser Maßnahme mehr Gleichmacherei als Chancengleichheit – oder kurz gesagt das Absinken des Niveaus an den Gymnasien.

Ob sich die politische Reformen gegen die Macht der Eltern durchsetzten können? In Hamburg scheint es zumindest nicht so. 180.000 Unterschriften haben die Reformgegner gesammelt, ein Volksentscheid steht vor der Tür. Der Bildungs-Journalist Christian Füller schreibt im Spiegel:

So sind sie, die Eltern. Sie wollen Schulreformen jetzt und sofort – aber bitte nur die, die ihrem Kind nützen. Sie kämpfen für Noten, aber wehe, wenn es der eigene Filius ist, der schlecht abschneidet. Sie sind für eine gerechte Gesellschaft. Aber nur, wenn nicht zu viele Migrantenkinder in die Klasse des eigenen Kindes drängen. Sie beschimpfen Lehrer als faule Säcke, aber sie werfen selten einen Blick in die Hefte ihrer Kinder.

Und wer könnte es ihnen verdenken, denn so sind Eltern, so ist unsere Gesellschaft. Jeder möchte in erster Linie das beste für sich und seine Familie. Das Wohl der Gesellschaft und Solidarität – das alles beführworten alle, doch keiner möchte verzichten, möchte selbst zurückstecken für Fremde. Und so werden Marlons aufs Gymnasium “gemogelt” – was dem Niveau des Gymnasiums schadet, vor allem aber den Marlons, die frustriert von schlechten Noten und mit viel Nachhilfe das Abitur vielleicht gerade so schaffen, sich eventuell sogar durch Studium wurschteln (was die Eltern komplett finanzieren), mit einer mittelmäßigen Note abschneiden und danach mit viel Vitamin B, vor Übernahme der Kanzlei des Vaters, einen Posten im höhrenen Management ergattern. Und man wird sagen: Er hat´s ganz allein geschafft.

Auf unsere Leistungsgesellschaft – Prost!

via SPON

*Marlon ist ein willkürlich gewählter Name, eine Ähnlichkeiten mit existierenden Personen ist rein zufällig.

7 thoughts on “Elternwahlrecht ist oft sozial ungerecht

  1. Ich muss sagen, ich finde es schwierig darüber zu urteilen, da ich selbst noch keine Kinder habe. Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, ähnlich zu reagieren.

    Natürlich hat es keinen Sinn, mit Vieren aufs Gymnasium zu wechseln, aber ich bin der Meinung Kinder sollten auch gefordert werden (nicht überfordert!). Man wächst an seinen Aufgaben!?

    Das die Entscheidung am Ende bei den Lehrern liegen soll finde ich nicht gut. Ich denke, dafür sind Lehrer, sowie die meisten Menschen, zu voreingenommen (Du hast selber geschrieben, manchmal reicht dafür ein Name (-;). Ich glaube nicht, dass so jeder Schüler eine faire Chance bekommt.

    Einen anderen bzw. besseren Lösungsansatz habe ich aber leider auch nicht parat…

  2. Ich denke, dass ich selbst so reagieren könnte bei meinen eigenen Kindern. Eben weil man ja das beste haben möchte. Ja, Lehrer können voreingenommen sein (wer hatte keinen Lehrer, der einen auf dem Kieker hatte), Eltern aber auf jeden Fall.

    Ich denke aber auch nicht, dass man Kinder rein der Noten wegen versetzten oder nicht versetzen sollte. Es sollte auch zählen, ob ein Schüler generell im Unterricht mitmacht, ob er sozial intelligent ist (hilft er anderen, schlichtet er eher Streits als sie zu verursachen etc.). Das würde aber bedeuten, dass Lehrer viel feinfühliger sein müssten bzw. die Kommission, die über eine weiterführende Schule entscheidet, müsste eine Art demokratische Wahl sein, an der auch die Eltern beteiligt sind.

    Was meiner Meinung aber auch interessant wäre – was möchte denn das Kind selbst? Traut es sich zu, es auch bei schlechteren Noten am Gymnasium zu versuchen? Würde man den Aspekt noch mit einbeziehen, müsste noch ein Schul-Psychologe zu Rate gezogen werden.

    Alles in allem wäre das dann aber wiederum ein sehr kompliziertes Verfahren und das jedes Jahr für eine Menge von Schülern pro Schule. Puh – ja Gerechtigkeit ist nicht so einfach ;)

  3. Das Thema finde ich sehr spannend, denn genau diese Diskussion hatte ich neulich mit einem Kollegen, der zwei Söhne hat. Der eine “kommt ganz nach Mama und Papa”, marschiert munter und mit besten Noten durchs Gymnasium, hat Lust an Leistung und schon mit knapp 17 bereits geplant, was er mal studieren möchte – Medizin. Doch der andere (15) quält sich, kommt mit dem Leistungsdruck am Gymnasium nicht zurecht (wohin ihn auch Mama und Papa getreten haben) und möchte am liebsten alles hinter sich lassen und eine Schreinerlehre machen. Natürlich, das kann ich gut verstehen, kommen dort die Ängste der Eltern durch. Man hatte ja ach so einen guten Plan für den Jungen, hat vielleicht hier und da mit etwas Vitamin B nachgeholfen. Hat hier die Erziehung versagt? Hat man als Eltern versagt? NEIN!
    Natürlich versuchen sich viele Eltern in ihren Kindern zu verwirklichen. Doch geht das oft nicht nur zum Wohle der Kinder., sondern vielmals nach hinten los. Vielleicht wird gerade dieser Junge der beste Schreiner, der beste Kindergärtner oder Friseur… Und warum? Weil er selbst nach seinen eigenen Neigungen gewählt hat. Und dann ist es meiner Sicht nach eine eben so große Leistung, wie ein Medizinstudium mit 1 abzuschließen.
    Das große Problem ist – wie ich meine – dass unsere “Leistungsgesellschaft” zu einseitig definiert ist.
    Was meint Ihr?

  4. Pingback: Das eigentliche Ding ist, ein Gegenüber zu sein « CommonsBlog

  5. Es besteht immer die Möglichkeit nach dem MSA ein Gymnasium zu besuchen um das Abitur zu absolvieren, falls das Kind in der 4. Klasse nicht die besten Voraussetzungen hat, um ein Gymnasium zu besuchen. Vermutlich ist der Druck, der auf dem Kind lastet nach dem MSA nicht nicht ganz so hoch, da es ja schon einen Schulabschluss erfolgreich absolviert hat.

    Falls ihr Kind ein wenig Hilfe benötigt, wenden Sie sich doch an das Lernwerk Berlin, welches effektive MSA- & Abiturkurse im Einzelunterricht anbietet.

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