Politik scheint dem Großteil der Studenten egal zu sein. Ja, unpolitisch zu sein ist der neue Trend am Campus. Das belegt auch eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie zum “Wandel politischer Orientierung und gesellschaftlicher Werte der Studierenden”. Die Studie basiert auf den Ergebnissen von zehn Erhebungen des Konstanzer Studierendensurvey, durchgeführt zwischen 1983 und 2007. Fast 90.000 Studenten wurden insgesamt befragt. Denn während 1983 sich immerhin 54 Prozent der Studenten als stark politisch interessiert bezeichneten, taten dies 1993 nur noch 46 Prozent. Und im Jahr 2007 gerade mal 37 Prozent.

Demokratisierung, Partizipation, Sozialismus, Frieden – dafür kämpften die Studenten in den sechziger und siebziger Jahren. Stichwort Benno Ohnesorg. In den achtziger Jahren flachte das Politikinteresse ab. Ein Trend, der sich auch in den neunziger Jahren fortsetzte. Das Interesse an Solidarität und die Verbesserung der Welt wurde von Berufs- und Konsumwünschen abgelöst. Als in den letzten Jahren landesweit Studiengebühren eingeführt werden sollten, gab es sie wieder – eine kleine Gruppe von Aktivisten, die auf die Straße ging. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als wir 2004 losmarschierten und Eier an die Fassade des CDU-Headquarters schmissen. Aber irgendwie fehlte der Elan. Wie viele andere, war diese und ein paar weitere Aktionen nur Events, die mit dem Gefühl “wir können ja doch nix ändern” untermalt waren. Aber wenn alle mitmachen? Wenn alle eben die Studiengebühren nicht zahlen? Irgendwie machen nie alle mit. Und jetzt haben wir den Salat.
Warum sind heutige Studenten keine “richtigen Studenten” mehr? Leute, die auf die Straße gehen, was bewegen wollen? Warum gibt es keine Studentenbewegung mehr, sondern eine Mischung aus Party- und Karrierestudenten? Leute, die jede Einschränkung ihrer Rechte stillschweigend hinnehmen? Laut FZS (Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften) sind die straff organisierten Bachelorstudiengänge dafür verantwortlich, weil sie den Studenten einfach keine Zeit für ein politisches Engagement ließen. Eben anders als in den 60ern, als einem nach nicht die Studiengebühren im Nacken saßen und man auch mal 1-2 Semester “vertüdeln” konnte. Tino Bargel, Leiter der Studie, sieht die Gründe darüber hinaus in einem nachhaltigen Mentalitätswandel. Die meisten Studierenden sind darauf konzentriert, im Wettbewerb um die Arbeitsplätze am Ball zu bleiben und haben den Überblick in der politischen Landschaft verloren.
Zeitmangel und Bequemlichkeit, jeder ist auf sich fixiert Karriere zu machen, damit man später seinen eigenen Kindern das Studium finanzieren kann? Das ist wirklich absurd. Mein Studium ist seit zwei Jahren vorbei, aber auch ich habe wenig getan, habe es “den anderen” überlassen. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Politik nie als “Mein Problem” wahrgenommen habe. Sollte es aber. Denn wo soll das alles enden, wenn nicht mal die Akademiker Lust an Politik haben? Dann überlassen wir automatisch die Spielwiese den anderen und das sind nicht immer die, die deine Meinung teilen.



7 Antworten bis jetzt ↓
1 id404 // Aug 19, 2009 at 12:51
Vielleicht gehen die Studenten nicht auf die Straße, weil sie einfach mit den Umständen zufrieden sind. Sie sind mit der Gesellschaft zufrieden, mit der Wirtschaft, mit den sozialen Zuständen in Deutschland, und das was im Rest der Welt so passiert, ist auch ganz ok.
Vielleicht wissen sie, dass es so nicht perfekt ist, dass es auch nicht immer besonders fair ist, aber dass man daran nichts ändern kann.
Vielleicht wissen sie, dass es den Deutschen eigentlich ganz gut geht. Dass sie in einem System leben, dass seine Macken und Nachteile hat, aber es ist ein System, dass einigermaßen funktioniert.
Vielleicht haben sie festgestellt, dass Ideale nicht ganz so wichtig sind. Vielleicht wissen sie ja auch garnicht, was Ideale überhaupt sind.
Vielleicht sind sie auch einfach zu abgelenkt. Von Facebook, Twitter, StudiVZ, Youtube und dem failblog.
Wer weiß das schon? Die Studenten selbst bestimmt nicht. Die haben alle die gleiche “Ich würde ja gerne, aber….” Mentalität.
Ist das nun gut oder schlecht? Das muss jeder für sich entscheiden.
2 Nell // Aug 19, 2009 at 15:05
Also dass die Studierenden heute einfach mit den Umständen zufrieden sind, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen!
Ich habe hingegen folgende zwei Theorien, die mit Sicherheit auch ineinandergreifen:
1. Vielleicht liegt das “Problem” ja auch ganz einfach darin begründet, dass die Studies sich mit ganz anderen Themen viel dringender beschäftigen müssen als mit der Politik. Oder sagen wir, eher dazu angeleitet werden. Denn Studieren hat ja seit Bologna kaum noch etwas mit dem Studieren zu tun, das einem bei dem Wort einfällt, sondern ist eher eine Schule für große Kinder. Die Freiheit, die wir mit dem Wort Studium automatisch verbinden, existiert nicht mehr, an ihre Stelle sind feste Stundenpläne gerückt, voll geladen mit allem, dass man früher in 6 Jahren erarbeitet hat und heute in 6 Semstern durchhechelt.
Keine Zeit mehr für eigene Gedanken, keine Zeit, sich auch noch mit Politik zu beschäftigen. Dafür gibt ja keine Noten und für den Lebenslauf bringst auch nicht allzuviel.
2. Gleichzeitig ist Politik ja gerade im Moment so unattraktiv wie schon seit langem nicht mehr, und vielleicht auch so unglaubwürdig…?
Wir stecken mitten in einer Krise, die Leute wollen keine schlechten Nachrichten mehr hören, ganz besonders die jungen nicht. Und dieses ganze Schlechtgerede und hohle Wahlkampfpolarisieren…dem kann man doch ehrlich überdrüssig werden.
Also stellt sich für mich nicht die Frage, was mit den Studies los ist, sondern die: was ist mit der Politik los?
3 Maria_Monte // Aug 19, 2009 at 15:16
Danke erstmal für die tollen Kommentare – hoffe es kommen noch weitere
@Nell Das stimmt – Politik ist im Moment wirklich so unattraktiv wie nie zuvor. Alles dreht sich im Kreis – das kann schon demotivierend sein.
4 guenter_krass // Aug 19, 2009 at 15:41
@id404 “Vielleicht sind sie auch einfach zu abgelenkt. Von Facebook, Twitter, StudiVZ…” Kann sein, aber vielleicht sind auch genau diese Social Media Plattformen die “Straße” der Zukunft.
Ich glaube nicht, dass wir mit den Umständen zufrieden sind. Wir nutzen nur andere Kanäle um unseren Ärger Luft zu machen. Das Problem dabei ist, dass das die Öffentlichkeit bisher nicht interessiert hat.
Das wird spätestens an der Bundestagswahl anders werden.
5 Nadine // Aug 20, 2009 at 10:48
@guenter_krass: heute ging es durch die Medien. Stern und Forsa haben wieder eine gemeinsame Studie herausgegeben. 48% der Befragten konnten nicht mal sagen, wann die nächste Bundestagswahl ist – nicht mal ungefähr!!!
August Wilhelm Scheer, Präsident des Bundesverbandes für Informationswirtschaft (Bitkom), ist überzeugt, dass die Parteien den Weg übers Internet gehen müssen, wenn sie die jungen Leute überhaupt noch erreichen wollen.
Und um noch eins draufzusetzen sagt Scheerer weiter, dass wenn es die Möglichkeit gebe Online zu wählen, die Wahlbeteiligung mind. 10% höher wäre!!! Wers in Kurzfassung nachlesen will:
DIE WELT berichtet sehr gut zusammenfassend unter http://www.welt.de/die-welt/politik/article4358533/Geheimnisvolle-Demokratie.html
6 guenter_krass // Aug 20, 2009 at 10:57
Dazu auch ein Artikel auf netzpolitik.org http://netzpolitik.org/2009/das-internet-wird-wahlentscheidend/ Besonders spannend sind hier die Kommentare!
7 Digitaler Aktivismus // Aug 21, 2009 at 10:16
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