In jedem Bundesland wird schon seit längerem rumgedoktort, wie Schulbildung am besten aussehen sollte, um einlösbare Bildungschancen für alle bei hoher Bildungsqualität zu gewährleisten. Sich regelmäßig ändernde Regierungskonstellationen sind da auch nicht hilfreich, um Reformen stabile Rahmenbedingungen zu geben.
Besonders muss es einen Grund dafür geben, warum dann so viel davon gesprochen wird, endlich auf ein zwei- statt dreigliediges Schulsystem einzulenken. Der Grund: um endlich weg vom Stigma der sozialen Ausgrenzung und der Chancenungleicheit wegzukommen. Und um letzten Endes doch eventuell bessere Bildung für alle zu garantieren. Die soziale Schere geht im dreigliedrigen Schulsystem eindeutig zu weit auseinander: die Mehrheit der Schüler von Mittelklasse-Eltern geht ans Gymnasium, alles andere verteilt sich auf Haupt- und Mittelschule.
Berlin und Hamburg gehen dem jetzt entgegen. Die Grundschule wird in beiden Ländern auf sechs Jahre verlängert, was auf jeden Fall positiv zu bewerten ist. Denn nach 4 Jahren Grunschule zu entscheiden, auf welche weiterführende ein Kind gehen soll, ist Unsinn. Der eine entwickelt sich langsamer, der andere schneller. Nach 6 Jahren kann man schon besser abschätzen, wie es weitergehen soll. Ab Klasse 7 geht es dann auf die Sekundarschule oder aufs Gymnasium. Allerdings können an ersterer auch alle drei bereits existierenden Schulabschlüsse gemacht werden.
Dies wirft die Frage auf, ob das alte Schulsystem nur namentlich verschönert wird. Desweiteren bleibt abzuwarten, wie sich Gymnasium und Sekundarschule bis zur 10. Klasse überhaupt unterscheiden, wenn man an beiden Schulen das Abitur machen kann (12 bzw. 13 Jahre). Denn das würde ja gewissermaßen voraussetzen, dass bis zur 10. Klasse in etwa derselbe Stoff vermittelt wird. Wozu dann die Differenzierung?
In Hamburg dagegen ist allerdings noch nicht ganz klar, ob ab Herbst 2010 dual gelernt wird. Die Gruppe der Reformgegner ist stark. Sie befürchten mehr Gleichmacherei als Chancengleichheit – oder kurz gesagt das Absinken des Niveaus an den Gymnasien. Wenn es also keine Kompromiss zwischen beiden Fronten gibt, dann kann die Reform im Sommer eventuell durch einen Volksentscheid wieder gekippt werden.
Während in Hamburg die Lehrerempfehlungen verbindlich bleiben, wird dies in Berlin aufgehoben. Hamburg wird somit versuchen, den Run auf die Gymnasien zu verhindern und deren Status aufrecht zu erhalten. In Berlin wird die freie Schulwahl zu mehr Wettbewerb unter den Schulen führen, was positiv sein kann. Da die Schulen dann aber das Recht haben, ihre Schüler zu 60% auszuwählen und 30% der Plätze verlost werden sollen, bleibt abzuwarten, inwiefern sich die momentanen sozialen Auswahlverfahren wiederholen.
Es ist also noch nicht alles bestens durchdacht. Und es wäre schön, wenn es irgendwann einen bundesweite Reform geben würde, die die Bildung der Jüngsten der Gesellschaft wirklich zum höchsten Gut erheben würde.



3 Antworten bis jetzt ↓
1 t.scharwies // Feb 7, 2010 at 12:40
Tja, irgendwas zu starten ohne groß nachzudenken ist ja im deutschen Bildungssystem leider keine Seltenheit…
P.S.: Guter Text…
2 guenter_krass // Feb 8, 2010 at 13:15
Ein sehr passendes Kommentar dazu, ist der letzte Beitrag von Prof. Dr. Michael Hüther auf dem Ökonomen Blog. http://www.insm-oekonomenblog.de/reformen/reformpolitik-handlungen-statt-grabenkampfe/
3 Elternwahlrecht ist oft sozial ungerecht // Mär 2, 2010 at 12:36
[...] daher auch der Bildungskampf in Hamburg. Gegen die bevorstehende Schulreform wehren sich vor allem Eltern mit Händen und Füßen. Ihnen [...]
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